Ein ganzes Musikvideo ohne Budget?

Unser erstes Musikvideo in einem (semi-)professionellen Rahmen war gespickt mit äußerst ambitionierten Ideen, differenzierenden Visionen und einem leeren Portemonnaie. Ja, ihr lest richtig. Wie sollten wir ein “vollwertiges” Musikvideo ohne Budget realisieren?

Nun, fangen wir von vorne an. Als wir die damalige Studentin und aufstrebende Sängerin Lea kennengelernt haben und die gemeinsame Idee eines Musikvideos für ihren allerersten Song in’s Gespräch kam, war die Euphorie groß. Ein Cover von Taylor Swift’s “Look what you made me do”  brachte mit seinem Songtext und dem Genre viel Potenzial für interpretationsfreudige, experimentelle Shots. Auch unser Team steckte zu der Zeit selbst noch mitten im Studium, dementsprechend haben wir uns unser damaliges Equipment vor Augen gehalten und auf dessen Basis mit Lea gemeinsam ein Konzept erstellt, das trotz des geringen Budgets ein visuell ansprechendes Musikvideo ergeben soll. Soll ist hier auch der ausschlaggebende Punkt, denn wie wir alle wissen klingt in der Theorie jede Idee erst einmal oberaffentittengeil, bis dessen Realisation ein Thema wird. Ein schielender Blick rüber zu unserem elendigen Häufchen an Einsteiger-DSLMs und Reisestativen  stieß eine Welle voller Ernüchterung aus. Das sollte unser überschwängliches Gemüt und die brennende Lust auf’s Filmemachen aber nicht schmälern: Ein dreiminütiger Rückwärtsgang mitten in der Nacht bei eisiger Kälte? Kein Problem, was soll da schon schiefgehen. Hehe. He… *Schweißperlen rieseln von der Stirn*. Eine Sliderfahrt unter der Dusche in einem 2-Quadratmeter Badezimmer? Wer braucht schon Platz wenn man ein Weitwinkel hat, hab ich Recht?

Wie wir das Ganze dann doch über die Bühne gebracht und ein anständiges erstes Musikvideo ohne großes Geld realisiert haben und wieso gerade das Thema Budget im Verhältnis zu Qualität in der Filmproduktion eine wichtige Rolle spielt – das erfahrt ihr in den folgenden Zeilen.

Was haben wir uns dabei gedacht?

Wortwörtlich. Dieser Begriff war ein großer Knackpunkt während der Ausarbeitung unseres gemeinsamen Konzeptes. Wie vorhin schon einmal erwähnt bieten die Lyrics von Taylor’s Mega-Hit viel Spielraum, aber manchmal ist weniger eben mehr. Jede einzelne Zeile wortwörtlich zu visualisieren würde nicht nur unseren Rahmen ins Unendliche sprengen, es hätte auch aus narrativer Sicht keinen großen Sinn gemacht. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, aber andersherum bräuchte es auch tausend Worte, um jedes Bild zu erklären. Jetzt stellt Euch einmal vor, Ihr würdet alle 3 Sekunden mehrere tausend Worte lesen müssen und sie nicht nur an und für sich interpretieren, sondern auch in Zusammenhang mit allen anderen Worten bringen müssen. So ungefähr sähe das unmögliche Ergebnis aus, wolle man jede einzelne Zeile eines Songtextes bildlich in einem Video festhalten. Ein Glück, dass das gar nicht notwendig ist. Oftmals reicht es vollkommen, wenn das Bild den Sound unterstützt. Immerhin geht es bei einem Musikvideo immer noch hauptsächlich um Musik, und da soll das Bild nicht ablenken, geschweige denn stören.

So haben wir uns also dazu entschieden, unsere Sängerin On-Screen in einer langen Sequenz als Basis zu featuren, um darauf aufbauend verschiedene Situationen szenisch passend zum Text etwas zu vertiefen, und diese im Laufe des Videos wieder und wieder aufzugreifen – passend zum modularen Aufbau eines Pop-Songs. Diese Basis aber war es, die sich in Form eines Gangs an der Promenade in der Siegener Innenstadt schon als erste Herausforderung entpuppte. Ins Detail gehen wir hierbei aber erst etwas später. An welchen Stellen des Songs wir filmisch dann etwas ins Detail gingen, ergab sich fließend im Laufe der Konzeptionsphase bei der Zusammenarbeit mit Lea. Selbst, wenn nicht jede einzelne Zeile verbildlicht werden kann, heißt das nicht, dass sich das Bild voll und ganz vom Text abgrenzen muss.  Wie ihr weiter unten im Video sehen werdet, haben wir einige Szenen metaphorisch inszeniert, um bestimmte Emotionen und Gedanken zu vermitteln, ohne sie dem Zuschauer wortwörtlich ins Gesicht zu halten – ein äußerst bewährtes Stilmittel, das auch mit oder gerade bei geringem Budget großen Effekt erzeugen kann.

Wie haben wir’s gemacht?

Zurück zu unserem Grundbaustein. Wir hatten bei der Realisation einer dreiminütigen Kamerafahrt sehr großes Vertrauen in unser Equipment. Ziel dabei war es, Lea bei einem Gang entlang der Promenade an der Sieg zu filmen, während sie den gesamten Song singt. Und das nachts! Viele Filmemacher denken sich hier sicherlich “easy. Gib mir einen Ronin M, ‘ne passende DSLM und zwei bis drei mobile Headlights inklusive Crew, die das ganze Zeug bedient und trägt, dann schwenk ich dir das eben ab.” – Und was, wenn man all das nicht hat? Zugegeben, unsere damalige Lumix G80 von Panasonic hatte einen akzeptablen Bildstabilisator. Ein Einsteiger-Einhand-Gimbal stand uns auch zur Verfügung, aber was fehlte war die Erfahrung. Dafür kamen dem Shot aber zwei Headlights und ein externer Monitor entgegen, und gerade genug Crewmitglieder, um alles halten zu können. Dazu noch eisige Temperaturen Anfang des Jahres – In unserem jugendlichen Leichtsinn hatten wir selbstverständlich keine Handschuhe dabei. “Wie schlimm kann das schon werden?” sagten sie. “Das härtet einen ab!” sagten sie. Tja, eine positive Seite hatte diese ganze Prozedur: Wir haben massig aus diesem Dreh gelernt dafür, dass es nur ein einziger Shot war. Beispielsweise, dass man vor Dreharbeiten mit einem Kunden, selbst wenn es ein Freund oder Bekannter ist, immer sein Equipment checken sollte. Stellt Euch vor Ihr fotografiert eine Hochzeit, habt gerade den Kuss aus einer wunderschönen Perspektive eingefangen und das Brautpaar würde ihn sehr gerne einmal sehen. Blöderweise hat Euer Kameradisplay einen Anzeigefehler – alle Bilder scheinen einen extremen Rotstich und viel zu viel Kontrast zu haben! Dieser Moment, wenn Ihr dem sehr skeptisch dreinblickenden Kunden erklären und versichern müsst, dass das Ganze am Ende traumhaft aussehen wird, sollte um alles in der Welt vermieden werden! Genauso verhielt es sich nämlich mit dem geliehenen externen Monitor. Unser Kameramann konnte alles nötige für den Shot auf dem Monitor erkennen, aber es war geradezu peinlich, am Ende Lea das Material zu zeigen, so gut die Kamerafahrt auch gewesen sein mag. Lea hatte zu diesem Zeitpunkt kaum Kameraerfahrung, dementsprechend galt “What you see is what you get”. Und what she got war out of the box not sehr pretty. Ein Glück lag es nur am Monitor, das Material hatte keine Bildfehler. Trotz alledem wären wir keine Filmemacher, wenn wir nicht das Beste aus der Situation herausholen – und das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen.

Doch der eigentliche Inhalt des Videos fehlt ja noch komplett. Ihr kennt sicherlich Musikvideos, die bildlich im Prinzip aus verschiedenen Situationen und Locations bestehen, an denen die Band / der Sänger oder die Sängerin ihr Lied vor sich hin trällern und spielen. Im Laufe des Videos wird fröhlich zwischen Szene A, B, C, D und wenn das Budget stimmt auch noch E und F hin und her geschnibbelt – fertig ist das Ding. Wenn’s hoch kommt läuft die Band auch mal irgendwo lang, anstatt ihr Lied zu spielen – so richtig emotional mit Sonnenuntergang und so. Das macht dann übrigens 50.000€. Wer jetzt denkt, das sei doch maßlos übertrieben, dem empfehle ich einmal Britney Spears’ Musikvideo zu “Piece of Me” aus dem Jahr 2007. Das Video besteht aus 4 Locations, einem Haufen Lens Flares, Paparazzi und Titten. Mehr nicht. Und es zählt zu den teuersten Musikvideos überhaupt – mit einem Budget von 500.000$. Jep, eine halbe Millionen Dollar für ein paar Statisten, einen Jeep und ‘nen Greenscreen. Haltet Euch diese Info doch bitte noch einmal vor Augen, wenn Ihr weiter unten das Video zu Leas Cover schaut und vergleicht, was wir mit nicht einmal einem ZEHNTAUSENDSTEL von Britneys Budget zaubern konnten.

Apropos zaubern – Während der Konzeption für unser erstes Musikvideo war es natürlich auch wichtig, neben einer klassischen Grundstruktur einige Magic Moments zu kreieren. Bis auf den Gang an der Promenade und einen kurzen Blick in ein Café wurden alle weiteren Szenen innerhalb eines 15-Quadratmeter Ein-Zimmer-Apartments realisiert. Ein Tipp an dieser Stelle: Seid Ihr jemals aus story- oder kostentechnischen Gründen dazu gezwungen, in einem so kleinen Areal etwas zu drehen, beschränkt die Filmcrew auf ein Minimum! Wir waren zeitweise zu siebt in diesem einen Raum – inklusive Equipment und Schauspieler. Das war nicht nur kein schöner Anblick, es hat auch enorm Zeit und Geduld gekostet. “Magst du mir einmal einen neuen Akku reichen?” – “Klar, Moment. Ich kletter hier mal eben über’s Bett, schiebe unseren Make-Up Ecktisch beiseite, reiß dabei noch ein Headlight mit und krieg vielleicht dabei ‘nen Nervenzusammenbruch. Aber alles cool, wer will schon etwas Geld in eine angenehmere und besser ins Video passendere Location stecken.” Die richtige Antwort ist: Jeder. Selbst wenn’s aus eigener Tasche ist, es wird sich lohnen. No Budget schön und gut, aber das Endprodukt wird für sich sprechen. Laien mögen eventuell keinen direkten Unterschied zu teuer produzierten Videos feststellen können. Das bedeutet aber nicht, dass sie Euer Video deshalb nicht schlechter finden werden. Stellt euch vor Ihr müsstet beim Präsentieren Eures neuen “No Budget Meisterwerks” (was für ein schönes Oxymoron) jedes Mal noch dazu erwähnen, dass Ihr ja kein Geld bei der Produktion hattet und die Zuschauer das doch bitte in ihre Meinung mit einbeziehen sollen. Da kommen Flashbacks zum schlecht kalibrierten Monitor hoch, hab ich Recht? Aber verwechselt das nicht mit meiner Bitte vorhin bei Britneys Video! Da geht’s um einen Vergleich. Der Punkt ist, dass man es gar nicht richtig sehen soll, wenn ein Video einen hohen Produktionswert (nicht gleichzusetzen mit hohem Budget!!) hat. Man wird es spüren, wenn Ihr die Mittel, die Euch zur Verfügung standen, klug und effektiv eingesetzt habt und aus dem vorhandenen Material das bestmögliche Ergebnis erzeugt habt. Aber wenn Ihr wie wir damals eben nicht versucht, besagte Mittel an ein nicht existentes Budget anzupassen, sondern eher überlegt, was dem Endprodukt am effektivsten dienen würde und entsprechend investiert, wird das die Qualität und den Produktionswert Eures nächsten Videos in die Höhe schießen lassen.

Vieles von dieser Moralpredigt gerade spüren wir heute, knapp zwei Jahre nach dem Dreh des Videos, beim erneuten Schauen enorm. Es ist aber immer ein gutes Gefühl zu wissen, dass man sich immer weiterentwickelt, und nichtsdestotrotz war die Produktion eine extrem schöne, lustige, teilweise stressige, aber dafür auch lehrreiche Erfahrung, die jeder angehende Filmproduzent erleben muss und wird. Ich denke ich habe genug geschnackt, und wünsche viel Spaß beim Schauen von Spiegellichts allerersten Musikvideos: